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Von Stephan Sperling | 4.März 2009
Ich muss zugeben, dass ich bei der Lektüre des aktuellen Spiegel mit dem Titel “Fremde Freunde – Vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen” hin und hergerissen war. Deshalb hier mein Stimmungsbild in Kurzfassung:
Kopfschütteln:
“Einer 26-jährigen Engländerin wurde zum Verhängnis, dass sie in Facebook ihren Status von “Verheiratet” auf “Single” änderte. Daraufhin drehte ihr 41-jähriger Ehemann durch und erstach sie. Die meisten Nutzer nehmen die neuen Risiken bedenkenlos in Kauf.”
Lautes Lachen:
“Der Soziologe Chritakis konnte zuvor schon nachweisen, dass sich Fettleibigkeit und der Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören, über soziale Kontakte ausbreiten. (…) Theoretisch müssten sich solche sozialen Infektionen auch über elektronisch geknüpfte Freundschaften ausbreiten.”
Müdes Lächeln:
“In der Online-Welt machen die jungen Netzwerker, was sie auch im Leben draußen vornehmlich tun: herumhängen.”
Unverständnis:
“Dennoch werden die Netzwerker wohl nie lernen, mit ihren Intimitäten zu knausern. Sie sind schließlich nicht in die Netze gegangen, um dort möglichst unauffindbar, unerkannt und unzugänglich zu bleiben.”
Sie sehen, meine Stimmung bei der Lektüre des Artikels nicht gerade positiv. Interessant finde ich vor allem, dass die zahlreichen Nutzer-Beispiele ein ganz anderes Bild von den Social Networks zeichnen.
Allein die im Spiegel auf den Seiten 120/121 aufgelisteten Netzwerke haben zusammen über 420 Mio. Mitglieder. Das es bei dieser unvorstellbaren Masse an Profilen immer wieder Menschen gibt, die unachtsam mit ihren Daten umgehen und sich damit selbst in Schwierigkeiten bringen, ist wohl kein großes Wunder.
Ich möchte Ihnen gerne meine Sicht der Dinge schildern. Offenbar muss ich mich auch zu den “jungen Netzwerkern” (Definition Spiegel) zählen lassen, obwohl ich dieses Jahr auch schon 29 Jahre alt werde. Meine Generation, selbst die Generation meiner Eltern nutzt (zumindest in meinem Umfeld, welches keineswegs nur aus Medien-Menschen besteht!) die Vorzüge von Social Networks heute intensiv.
Fast alle meiner Kontakte haben verstanden, wie persönliche Daten in den einzelnen Netzwerken zu schützen sind. Und von keinem meiner vielen Hundert Kontakte habe ich jemals wirklich bedenkliche Inhalte im Netz gesehen. Was soll so schlimm sein an einem Party-Foto, bei dem ich eine Flasche Bier in der Hand halte und vielleicht nicht mehr ganz fit aussehe? Für ein Unternehmen, das mir aus diesem Grund keinen Job geben würde, würde ich auch nicht arbeiten wollen.
Was macht die Netzwerke so spannend? Meine Generation ist in einer weitaus stärker globalisierten Welt aufgewachsen, als noch die Generation unserer Eltern. Wir haben bereits die halbe Welt bereist, waren zum Schüleraustausch im Ausland und haben vielleicht auch das eine oder andere Semester nicht in der Heimat verbracht. Im Berufsleben sind wird von uns erwartet, flexibel zu sein – was wir auch gerne sind. Nicht wenige von uns landen mit jedem neuen Job auch in einer anderen Stadt, oft auch in einem anderen Land. Die Vielzahl der bei diesen einzelnen Stationen geschlossenen Kontakte zu bewahren wäre für mich ohne soziale Netzwerke kaum denkbar.
Erstaunlich für mich ist, wie schnell auch die Generation unserer Eltern dem Umgang mit den Netzwerken erlernt hat – aus einer Not heraus. Denn die Zeiten, in denen die ganze Familie an einem Ort lebte, sind einfach vorbei. Über das Internet können Eltern trotzdem am Leben ihrer Kinder und Enkelkinder teilhaben und auf dem Laufenden bleiben.
Und die Verlage? Diejenigen, die sich besonders schwer tun mit dem digitalen Leben der “jungen Netzwerker” sind vor allem die Verlage und insbesondere Print-Menschen. Sie trauen dem Internet einfach nicht – und haben auch den Wert digitaler Beziehungen noch nicht erkannt. Und das ist auch der Grund, warum viele Verlage diese digitalen Beziehungen auch gar nicht erst knüpfen. Dass sie sich damit selber ins Abseits stellen bekommen sie nicht mit.
Und so sind es die Verlage, die aktuell auch besonders unter “Beziehungsproblemen” zu leiden haben. Die Abonnenten machen immer häufiger “einfach so” Schluss und laufen in Schaaren davon. Und das Internet und seine Gesetzmäßigkeiten haben viele Verlage einfach immer noch nicht verstanden, den Aufbau von wertvollen Beziehungen über das Netz damit auch nicht.
Ganz ehrlich: Wer die Vorteile der sozialen Netzwerke erkannt hat und (mehr oder weniger) intelligent nutzt, fühlt sich von einem Artikel wie diesem aus dem Spiegel nicht nur nicht ernst genommen, sondern schon fast als exhibitionistisch veranlagter Volltrottel abgestempelt, dem nicht bewusst ist, welchen Schaden er sich selber zufügt. Und wie viele Nutzer waren das nochmal? Ach ja, 420 Mio. … darunter sicher viele Spiegel-Leser.
Ich jedenfalls habe mich geärgert, 3,70 Euro für diese Ausgabe gezahlt zu haben. Und Sie?
Weitere Meinungen zum Artikel:
Stichworte: , beziehungen, facebook, social networks, spiegel, Verlage |