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Von Stephan Sperling | 6.Juli 2011
Da sich viele Unternehmen sieben Jahre nach dem Start von Facebook erst langsam an das Thema „Social Media“ gewöhnen und beginnen, die Bedeutung der sozialen Netzwerke zu verstehen, dürfte die aktuelle Nachrichtenlage zum neuen Google-Projekt „Plus“ ziemlich irritierend auf die Verantwortlichen in den Unternehmen wirken.
Aus dem Nichts tauch ein „neuer“ Player auf dem (nicht nur von FanboysGoogle-Strategen) nachgesagt wird, er hätte das Potenzial, Facebook in die Knie zu zwingen.
Da hat man sich gerade dazu durchgerungen, Facebook angesichts von allein 18,6 Mio. deutschen Nutzern eine gewisse Bedeutung beizumessen und in oft mühsam und in langwierigen Prozessen Strategien zur Marktbearbeitung via Facebook erarbeitet – und dann soll ein „neuer“ Player Facebook einfach so in die Knie zwingen können?
In der Tat hat Google+ das Potential, dem Platzhirschen Facebook ein verflixtes siebtes Jahr zu bereiten. Aber die Konkurrenz zu Facebook ist nur ein kleiner Teilaspekt – dem im Augenblick aber die größte Beachtung geschenkt wird.
Für Unternehmen bedeutet dieser Aspekt: Facebook könnte einen schnellen Abstieg erleben und rasant an Bedeutung verlieren. Das kann so kommen, muss es aber nicht. Auf jeden Fall müssen sich Unternehmen aber damit abfinden, dass das „Social Web“ nicht gleich Facebook ist, sondern dass Facebook erst der Anfang ist. Unternehmen werden in Zukunft deutlich agiler werden müssen, um neue Trends und Dienste schnell zu erobern. Wenn bei jedem neuen Player auf dem „Social Media“-Markt Jahre vergehen, bis man sich zu einem Engagement durchringen kann, kann es passieren, dass man auf der Party erscheint, wenn sie eigentlich schon rum ist und die Gäste weiter ziehen…
“Aber wenn man G+ an Facebook mißt, dann verkennt man Zweck und Potential von Google Plus.” (Kristian Köhntopp)
Viel wichtiger als die Frage, welche Konsequenzen Google+ für Facebook haben kann ist die Frage, wie die Funktionen von Google+ die Web-Landschaft verändern können. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Projekten hat Google nicht versucht, Facebook zu kopieren, sondern hat das „Soziale Netz“ neu gedacht. (Über die neuen Funktionen wurde schon viel geschrieben, deshalb werde ich darauf hier nicht eingehen.)
Noch viel interessanter: Google+ und die Suche:
Mindestens drei Mal am Tag setzt der deutsche Onliner eine Suchanfrage bei Google ab. Für viele Nutzer ist die Google-Suche sogar das Internet, gut 88% der Deutschen nutzen Google als Suchmaschine. Wer im Web Erfolg haben möchte, muss also in den Suchergebnissen oder Anzeigen der Google-Suche möglichst weit oben stehen. Die ganze Branche der Suchmaschinenoptimierer lebt inzwischen sehr gut vom Versprechen „Wir bringen Sie bei Google ganz nach oben!“
Und genau hier setzt der Geniestreich von Google+ an – mit dem kleinen, unscheinbaren Button „+1“. Dieser Button wird künftig jeden Suchtreffer und jede Adwords-Anzeige zieren. Vergleichbar ist „+1“ mit dem „Gefällt mir“-Button von Facebook . Seine Auswirkungen sind aber erheblich anders.
Plötzlich können Sie als Suchender der Suchmaschine unmittelbar mitteilen, wie gut Sie welchen Treffer und welche Anzeige finden. Der neue Button wird viele Suchende zum Klicken verleiten und so massenhaft Nutzer ins Netzwerk Google+ spülen – egal ob eine Mitgliedschaft aktiv geplant war oder nicht. Wer seine Meinung zu einem Suchergebnis abgeben möchte, muss nun mal registriert sein. Und wer mal registriert ist, der kann von Google zum aktiven Nutzer des sozialen Netzwerkes weiterentwickelt werden. Und wer aktiv ist, sammelt Freunde und Kontakte…
Und plötzlich wird die Google-Suche wirklich sozial.
Immer wenn ich künftig suche wird die Suchmaschine mir sagen, welche Seiten meine Kontakte empfehlen und besuchen – und welche Seiten generell beliebt sind bei den Nutzern, die sich nicht in meinem unmittelbaren Netzwerk befinden.
Suchmaschinenoptimierer werden es also künftig noch schwerer haben als heute. Denn nur, wer von Nutzern aktiv Empfehlungen sammelt sichert sich einen Platz auf den besten Plätzen. Durch das Wissen von Google über die sozialen Verknüpfungen der Menschen untereinander wird zudem die Manipulation der Suchergebnisse deutlich schwieriger als heute.
Bisher war (stark vereinfacht dargestellt) die Zahl der Verlinkungen, die auf eine Seite zeigen, das wichtigste Ranking-Kriterium für Google. Mit Google+ wird sich das Gewicht mittelfristig verschieben hin zu sehr viel sozialeren Aspekten.
Noch testet Google nach eigenen Angaben das Gewicht des „+1“-Buttons vorsichtig. Wenn Google+ aber zum Erfolg wird (dies aktuell zu prognostizieren wäre jetzt noch zu früh, die Stimmung der Tester ist aber im Gegensatz zu früheren Produkt-Launches von Google dieses Mal sehr positiv), wird sich die Suchergebnisseite von Google gravierend ändern.
Geht es bei Facebook darum, möglichst viele Fans zu sammeln, hat Google+ sehr viel unmittelbarere Auswirkungen auf Ihr Unternehmen. Es geht um nichts Geringeres als den Traffic auf Ihrer Website. Es ist nicht unüblich, dass bis zu 80% der Besuche auf einer Internetseite von Google vermittelt werden. Wenn Sie die Nutzer nicht mögen oder dies zumindest nicht durch einen Klick auf „+1“ zum Ausdruck bringen, könnten Sie schon bald auf viele Besuche verzichten müssen. Sie haben einen Online-Shop? Dann werden Sie sich Ihre Verluste im schlimmsten Fall in barer Münze ausrechnen können.
Clerver ist daher, wer den „+1“-Button aktiv auch auf der eigenen Website einbindet – wie es sueddeutsche.de bereits unter jedem Artikel getan hat. Clever ist daher, wer von Anfang an (siehe Update unten) auch auf Google+ mit einem eigenen Profil vertreten ist. Immer mit dem Risiko, dass am Ende doch nichts auch Google+ wird. Aber so ist das Social Web eben: schnell, unvorhersehbar und oft genug unberechenbar & gnadenlos.
“Google+ is a fresh start and a new beast. Take your time and it will all be worth it in the end.” (thenextweb.com)
Update 07.07.2011:
Google hat sich zum Thema “Unternehmensprofile” geäußert: Bitte warten! Und das warten könnte sich lohnen…
(Autor Stephan Sperling bei Google+)
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